Competition

Was wäre wenn es keinen Wettbewerb gäbe?

Beim Aufruf zur Blogparade Was wäre wenn…? hatte ich die Frage gestellt: Was wäre wenn es keinen Wettbewerb gäbe? Mancher wird sich vielleicht gefragt haben, wie ich auf diese Frage komme. Als meine Söhne im letzten Jahr zum ersten Mal vom Dieselskandal hörten, stellten sie die Frage warum es Konkurrenz gibt. Die ganzen Autohersteller könnten doch einfach zusammenarbeiten und gemeinsam ein sauberes Auto entwickeln und vertreiben. Ich erklärte Ihnen was ein Monopol ist und welche Nachteile das mit sich bringt. Damit war die Frage erstmal abgehandelt. Doch so ganz ging mir der Gedanke nie aus dem Kopf. Die Blogparade war für mich dann der perfekte Anlass im Netz und im realen Leben Perspektiven zu dieser Frage zu sammeln.

Eine Welt ohne Wettbewerb

Wie würde eine Welt ohne Wettbewerb aussehen? Das versuchten wir uns beim intrinsify.me Wevent Oberbayern in meiner Session vorzustellen. Fred meinte spontan, „ohne Wettbewerb würden wir vermutlich noch auf den Bäumen sitzen“. Es lag für die meisten auf der Hand, dass Wettbewerb völlig natürlich ist. Das sieht man ja schon an den Kindern. Wer ist am schnellsten am Klettergerüst? Wer hat die schönste Sandburg? Als Vater von zwei Söhnen kann ich ein Lied davon singen. Da wird wirklich alles verglichen. Es spornt an, wenn der Bruder schon bis 1000 rechnen kann. Wettbewerb ist also der Treiber für persönliches Wachstum.

Aber auch im Erwachsenenalter hört der Wettbewerb nicht auf. Wer im Freundeskreis hat die morgendliche Joggingrunde am schnellsten absolviert? Wer hat schon die meisten Städte besucht? Wer hat die meisten Bewertungen abgegeben? Gamification heißt das Zauberwort und erzielt Leistungssteigerung und persönliches Wachstum. Wettbewerb sorgt dafür, dass wir es aufs „nächste Level“ schaffen.

Wir hatten uns aber auch überlegt, wie eine Wirtschaft ohne Wettbewerb aussehen würde. Gibt es dann nur noch einen Bäcker, einen Automobilhersteller, ein Fashionlabel? Das wäre wohl ziemlich langweilig und eintönig. Wenn der Monopolist noch den Preis diktieren kann wird es auch noch ziemlich teuer. Die Qualität wird vermutlich auch irgendwann unter dem fehlendem Wettbewerb leiden. Warum sollte man sich anstrengen, wenn man der Einzige auf dem Markt ist?

Trabant
Trabant | Source: Tama66 on Pixabay CC0

Für Nadine aus der Runde war das übrigens kein Gedankenspiel. Sie ist in der DDR aufgewachsen und da gab es keinen Wettbewerb. Es gab nur zwei Arten von Autos, die man aber nicht wirklich frei wählen konnte. Wer Glück hatte bekam einen Wartburg. Ebenso wenig Auswahl gab es bei Backwaren. Sie hat die Geschichte eines Bäckers erzählt, der neben dem Standard Brotsortiment ab und zu noch ein weiteres Brot im Angebot hatte. Dann hieß es zwei Stunden anstehen, um die seltene Abwechslung zu ergattern. Macht uns Möglichkeit der Auswahl aus 300 Joghurtsorten wirklich glücklicher, fragten wir uns? Das muss jeder für sich selbst beantworten. Ich möchte aber zum Beispiel die Vielfalt an Craft-Bieren, die in den letzten Monaten auf den Markt kamen, nicht missen. Wettbewerb erzeugt also Vielfalt. Wettbewerb sorgt für Entscheidungsoptionen. Als Beispiele wurden in diesem Zusammenhang auch Ideenwettbewerb und Ausschreibungen genannt. „Konkurrenz belebt das Geschäft“!

War die Frage also beantwortet? Wenn es ohne Wettbewerb kein Wachstum und keine Vielfalt gibt, wer würde eine Welt ohne Wettbewerb wollen?

Die Schattenseiten von Wettbewerb

Von Anfang an kamen auch Schattenseiten des Wettbewerbs zum Gespräch. Viel wurde diskutiert über internen Wettbewerb in Unternehmen. Wer kriegt den nächsten Auftrag? Wer kriegt den lukrativsten Kunden? Wer darf den Chef auf seinem Posten beerben? Im Kampf um die Gunst des Vorstandes, des Bereichsleiters oder des Chefs enstehen so Silos und Grabenkämpfe. In manchen Unternehmen wird das bewusst eingesetzt. Wettbewerb zwischen Teams soll zu Höchstleistung anspornen. Jack Welch, der Erfinder der Vitality Curve, war davon überzeugt, dass der Wettbewerb unter Mitarbeitern dafür sorgt, dass sich die Organisation kontinuierlich weiterentwickelt. Wettbewerb erzeugt Wachstum. Fragt sich nur was dadurch wirklich wächst? Wir alle waren uns einig, dass durch internen Wettbewerb viel Energie statt in Wertschöpfung in Businesstheater investiert wird.

Ich möchte an dieser Stelle auch die These aufstellen, dass Wettbewerb blind machen kann. Blind für das Problem des Kunden, blind für Innovation. Wer darauf fixiert ist, was seine Mitbewerber so treiben kann ganz schön auf den Holzweg kommen. Wer sagt, dass mich die Produkteigenschaften des Mitbewerbers ebenfalls erfolgreich machen? Für mich fühlt sich das an wie im Rückspiegel zu fahren.

Loose
Loose | Source: dimitrisvetsikas1969 on Pixabay CC0

Aber nicht nur in den Unternehmen sind wir auf Wettbewerb getrimmt. Die Sozialisierung zum Wettbewerb fängt bereits in der Schule an. Wie viele Kinder verbringen heute Nachmittag für Nachmittag statt Spiel und Spaß mit Nachhilfe, um es irgendwie durchs Gymnasium zu schaffen. Man will ja schließlich vorne dabei sein. Koste es was es wolle! Generiert der Wettbewerb hier auch Vielfalt oder eher normierte Auswendigerlerner? Angesichts einer gefühlt wachsenden Anzahl von Verlierern im Spiel des „Höher, Schneller, Weiter“ stellte sich in unserer Runde schnell die Frage: „Haben wir es etwa mit dem Wettbewerb übertrieben?“

Was also tun? Sollte man den Wettbewerb auf bestimmte Bereiche begrenzen? Aber wo zieht man dann die Grenze? Nur außerhalb von Unternehmen? Macht es Sinn Wettbewerb lokal und für eine gewisse Zeit auszublenden? Uns erschien das weder machbar noch irgendwie sinnvoll.

Wettbewerb oder kein Wettbewerb? Was soll man nun tun?

Einige Ideen generierten wir in unserer Runde beim Wevent. Miriam prägte das Bild des Kuchen, den die Mitbewerber gemeinsam backen. Natürlich steht man im Wettbewerb um Aufträge. Doch solange alle davon satt werden, spricht nichts dagegen gemeinsam zu „backen“. Nadine griff das auf. Was wäre wenn man bei schlechter Auftragslage einen Auftrag vom Mitbewerber abkriegt, weil der gar nicht das ganze Auftragsvolumen bewältigen kann? Vielleicht kann und will er gerade nicht weiter wachsen. Christoph nahm sich den Ideenwettbewerb vor. Statt fünf Einzelideen, die im Wettbewerb und in Isolation entstehen, schärfen und entwickeln die fünf eine Idee gemeinsam weiter. Was generiert das bessere Ergebnis? Bei Einsatz entsprechender Methoden bin ich davon überzeugt, dass der Teamansatz den Einzelwettbewerb schlägt.

Davon ist auch Norwegen überzeugt. Bis zum Alter von 13 Jahren gibt es im Wintersport keine Gewinner und Verlierer. Der Spaß am Sport und das Gemeinschaftsgefühl sollen im Vordergrund stehen. Das hält dann auch an wenn es später Wettbewerb mit Gewinnern und Verlierern gibt.

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Video-Link: https://twitter.com/u_sommer/status/968359553808158721

Luise Freese ist davon überzeugt, dass Zusammenarbeit immer dem Wettbewerb überlegen ist:

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Und Matt Chevrier meint, dass Erfolg heute immer ein Teamerfolg ist. Einer alleine kann heute nur noch äußerst selten Probleme lösen. Wettbewerb im Team ist daher fehl am Platz. Man sollte sich also lieber überlegen, wie man Zusammenarbeit fördert statt sie nur passieren zu lassen:

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Video-Link: https://twitter.com/matt_chevrier/status/968878273890578433

Wer noch zweifelt ob Zusammenarbeit wirklich Wettbewerb schlägt, der sollte sich mal das Brettspiel „Obstgarten“ ansehen. Da geht es nämlich nicht gegeneinander, sondern gemeinsam gegen den bösen Raben. Das Spiel war lange Zeit höher im Kurs bei meinen Söhnen als „Mensch ärgere dich nicht“.

Eine wirklich geniale Antwort liefert uns aber mal wieder die Natur. Seit mehr als 300 Millionen Jahren gibt es den Wald. Und der hat es raus mit dem Wettbewerb. Mike Kaisers sprach in seinem Podcast „Innerer Reichtum“ mit Erwin Thoma über das Thema „Was wir vom Wald lernen können“. Erwin Thoma mag auf den ersten Blick etwas esoterisch daher kommen, aber was er über das Ökosystem Wald erzählt ist echt faszinierend. Wem der Podcast nicht reicht oder wer lieber Videos schaut, dem sei folgender Vortrag ans Herz gelegt:

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Video-Link: https://youtu.be/YSPlTd5wpD0

Natürlich gibt es auch unter Bäumen Wettbewerb. Der Baum will hoch hinaus, will wachsen. Aber wenn einer schwach und krank ist und die Borkenkäfer im Anmarsch sind, hört der Wettbewerb auf. Dann braucht es Harz als Abwehrstoff, was erhöhten Wasserbedarf bedeutet. Dann stellen die umliegenden Bäume erstmal ihr Wachstum ein, um nicht den kostbaren Rohstoff zu verbrauchen. Das Gemeinwohl steht über dem Wachstum. Es ist vermutlich nicht weiter überraschend, dass bei der Diskussion auf dem Wevent auch das Konzept der Gemeinwohlökonomie als möglicher Weg genannt wurde. Richtig spannend finde ich aber, wer von den Bäumen den Wettbewerb gewinnt. Es ist der Baum der am meisten gibt. Wann geben wir schon mal etwas an unsere Mitbewerber? Der Wald scheint mir die Blaupause zu sein für gesunden Wettbewerb. Es gibt Wachstum und Vielfalt. Und das seit 300 Millionen Jahren.

Fazit

Was habe ich gelernt? Eine Welt ohne Wettbewerb ist für mich keine erstrebenswerte Welt. Ich will Wachstum und Vielfalt. Allerdings darf Wachstum nicht über dem Gemeinwohl stehen. Erfolgreich sein geht offensichtlich besser durch Zusammenarbeit und ohne Mitbewerber zu verdrängen.

Was meint ihr? Ist das alles nur Sozialromantik? Muss ich vielleicht doch Wachstum über alles andere stellen? Es geht ja schließlich ums Überleben? Oder ist was dran am Vorbild Wald? Wo gibt es noch Beispiele für guten Wettbewerb? Ich bin gespannt auf Eure Meinungen und Perspektiven. Als Kommentar unter diesen Beitrag, in den sozialen Medien oder per Email an tobias@companypirate.de.

Vielleicht hat dich der Artikel aber auch so inspiriert, dass du auch etwas schreiben möchtest. Dann mach doch mit bei unserer Blogparade. Wie es geht und welche Fragen sonst noch gestellt werden sollten, findest du hier.

Danke an…

Ich möchte mich an dieser Stelle noch bei allen Inspiratoren zu diesem Artikel bedanken:

  • Meine Jungs Tizian und Valentin für die Ausgangsfrage
  • Bianka Groenewolt für die Idee zu „Was wäre wenn“ Fragen
  • Nadine, Miriam, Christoph, Leo und Fred für die spannende Diskussion beim Wevent
  • Ute Sommer, Luise Freese und Matt Chevrier für die Impulse auf Twitter
  • Mike Kaiser und Erwin Thoma für den faszinierenden Podcast zum Thema Wald

4 Kommentare

  1. Hi Tobias,
    vielen Dank für diesen Artikel. Ich persönlich glaube, dass Wettbewerb etwas sehr Positives sein kann. Aus meiner Sicht gibt es aktuell (mindestens) zwei Hauptproblem, mit der Art und Weise wie Webttbewerb gelebt wird.

    1) Sind die Ziele oft falsch gesetzt. Wenn das Ziel beispielsweise ist, möglichst viel Gewinn für die Unternehmensinhaber zu erwirtschaften, dann hat der Wettbewerb sehr viele negative Nebenwirkungen. Wenn das Ziel wäre, als Unternehmen den größten Mehrwert für die Gesellschaft zu schaffen, dann wären die Auswirkungen des Wettbewerbs vermutlich sehr viel positiver.

    2) Das zweite große Problem ist: „The winner takes it all“. Verlieren, scheitern, nicht Erster werden ist aktuell häufig ein großes Problem. Für die Reputation, für das persönliche Wohlbefinden und in der Wirtschaft für die eigene Existenz. So lange das Gegenteil von Gewinner gleich Verlierer ist, wird Wettbewerb immer automatisch auch negative Auswirkungen haben. Das Beispiel vom Wald zeigt aber, dass es in einem guten Wettbewerb nicht automatisch auch immer Verlierer geben muss.

    Neben der Gemeinwohlöknomie gibt es unter anderem auch die B Corps Bewegung, die sich damit beschäftigt, wie man die Regeln ändern könnte, um den Wettbewerb positiver zu gestalten.

    Viele Grüße,
    Gregor.

    1. Den Gewinn zu maximieren ist eben auch wieder eine interne Referenz. Wenn ich ein Kundenbedürfnis (externe Referenz) befriedige spricht auch nichts gegen das Erwirtschaften eines Gewinns. Schließlich will ich den Kunden auch noch morgen bedienen. Auch Nachhaltigkeit ergibt sich daraus als Ziel (siehe Patagonia).

      The winner takes it all wäre übrigens im Wald doof. Sehr schön zu sehen an Monokulturen die weniger resistent sind.

  2. Hallo Tobias,
    danke für den inspirierende Beitrag. Wie bereits auf dem Wevent diskutiert gehört Wettbewerb zur Natur des Menschen. Wir möchten uns mit anderen messen. Allerdings bin ich ganz Deiner Meinung, dass wir es mit dem Paradigma des Wettbewerbs übertrieben haben. Mich beschäftigt sehr, dass unternehmensinterne Wettbewerbsstrukturen die Kollaboration und cross-funktionale Zusammenarbeit behindern. „Jeder für sich oder gemeinsam fürs Ganze?“ ist die Frage, die ich in meinem gleichnamigen Buch stelle. Ich bin der Überzeugung, dass wir insbesondere in Unternehmen das Paradigma der Kooperation stärken sollten. Denn Unternehmen werden gegründet, weil einer alleine die Aufgaben und Herausforderungen nicht bewältigen kann. Unternehmen sind somit auf Kooperation ausgerichtete Systeme. Dies sollten wir uns wieder mehr vor Augen führen.
    Beste Grüße
    Christoph

    1. Stimme voll und ganz zu. Leider glauben noch viele Organisationen, durch internen Wettbewerb Höchstleistung zu erreichen (z.B. Salesbonus). Dadurch wird aber eine interne Referenz generiert und das Ergebnis auf die Erfüllung der internen Referenz optimiert.

      Weitergesponnen können auch zwei Unternehmen kooperieren um eine externe Referenz zu bedienen. Wenn der eine etwas (zuviel) hat, was der andere nicht hat (z.B. einen Könner mit freien Kapazitäten).

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