Krumme Dinger für eine bessere Wirtschaft?

Erstens kommt es anders und zweitens als man denkt

Mir fallen spontan eine Handvoll Situationen in der letzten Zeit ein, auf die das Wilhelm Busch zugeschriebene Sprichwort zutrifft. Da verbringen wir eine Woche Urlaub an der Ostsee und mein Sohn verletzt sich am Anfang der Woche bei einer Runde Fussball im Garten das Sprunggelenk. Die Versichertenkarte liegt natürlich zu Hause in Bamberg. „Schöne Sch****!“ Zum Glück gelingt es mir immer öfter diese Überraschungen willkommen zu heißen und das Positive im Imperfekten zu sehen. Die Verletzung hat uns gezwungen es etwas langsamer angehen zu lassen, hat mich meine Mobilität und Gesundheit schätzen lassen und eine tolle Buchhandlung mit integriertem Cafe entdecken lassen (Buchhandlung Wossidlo in Ribnitz, für alle die mal in der Region Fischland/Saaler Bodden sind).

Wenn wir mal ehrlich sind ist unser ganzes Leben voll von Überraschungen und Dingen, die nicht so laufen wie geplant. Eigentlich macht es das Leben doch irgendwie spannend? Wie oft sorgen gerade die Überraschungen für den Fortschritt? Da vergißt ein Alexander Fleming 1928 ein paar Agarplatten im Labor und entdeckte so mehr aus Versehen das Penicilin. Auch die Natur ist voll von Überraschungen und Imperfektem. Die schwarzen Schwäne haben es sogar zum Bestseller in der Kategorie Sachbuch geschafft.

Ich liebe es wenn ein Plan funktioniert

In unseren Unternehmen herrscht aber meist starkes Kontrastprogramm. Projekte werden detailliert geplant und Risiken abgeschätzt, um sie so gut wie möglich zu vermeiden. Prognosen zum Absatz werden erstellt und Produktionskapazitäten werden geplant. Abweichung zu den Plänen ist meist schlecht. Na gut, über mehr Umsatz als geplant freut man sich natürlich. Im Nebensatz wird aber meist bessere Planung angemahnt, denn die Produktion musste Sonderschichten fahren und erste Kunden beschwerten sich über längere Lieferzeiten. Obwohl wir es regelmäßig mit Überraschungen zu tun haben und die Anzahl der Überraschungen sogar steigt, geben wir uns immer noch der Illusion von Planbarkeit und steuern wie die Bekloppten.

In der Schule sieht es im Übrigen nicht viel besser aus. LehrPLÄNE definieren was gut für unseren Nachwuchs ist und sorgen für Einordnung in gute, ausreichende und ungenügende Menschen. Wen das nicht interessiert oder wer damit nicht kompatibel ist, wird schnell zum schwarzen Schaf. Vielleicht ist es aber auch ein schwarzer Schwan. Albert Einstein war so einer. Richard Branson war ein anderer. Also Achtung, Legastheniker ohne Schulabschluss haben doch was auf dem Kasten.

Ich plädiere daher für mehr JA zu Überraschungen und dem Unvollkommenen. Für mich liegt darin eine große Chance zu besserer und nachhaltigerer Wirtschaft. Wie könnte das aussehen?

Krumme Dinger

Unter diesem Namen verkauft ein großer deutscher Discounter Obst und Gemüse mit Makel. In Biomärkten ist das schon länger Usus. Zum Trend gemacht hat es ein Startup. Mittlerweile ziehen immer mehr Supermärkte nach. Ein Trend der zu begrüßen ist, denn so werden Tonnen von Lebensmitteln gerettet und landen nicht im Abfall. Lebensmittelverschwendung vermeiden als Geschäftsidee? 10 Startups treten zum Beweis an, dass man mit Unvollkommenem sogar Geld verdienen kann.

Die Idee lässt sich beliebig auf andere Bereiche übertragen. Nehmen wir mal zum Beispiel die aktuelle Diskussion über Retouren? Wie wäre es mit der Kaufhauskette „Fürchterliche Fehlkäufe“? Oder wir nutzen künstliche Intelligenz um Retouren zu tauschen? Für die Jeans, die mir nach dem Auspacken doch nicht gefällt, hat sich auch der Hobbybrauer zwei Strassen weiter interessiert und sie war leider nicht mehr lieferbar. Wir treffen uns und die Jeans wechselt für einen Kasten selfmade IPA den Besitzer. Man könnte die Hose auch der Familie um die Ecke schenken, bei denen es finanziell gerade nicht so läuft. Spendenquittung für das Finanzamt wird digital automatisch generiert. Mit ein bisschen Kreativität lassen sich sicherlich bessere Lösungen als Verbote finden.

Spaßprogramm statt Sparprogramm

Mit richtig viel Überraschungen kämpft gerade die Automobilbranche. Na gut, einige finden es vielleicht nicht so überraschend, dass die Absatzzahlen zurück gehen. Das Unternehmen mit dem Namen eines kroatischen Physikers baut auch nicht erst seit gestern Elektroautos. Das soll hier aber nicht das Thema sein. Wenn viele Überraschungen zusammenkommen, spricht man auch gerne von einer Krise. Was wäre wenn wir diese nicht mit Sparprogrammen bekämpfen, sondern als Chance sehen? Wenn wir nicht Werke schließen und Menschen in vorzeitigen Ruhestand schicken? Wenn wir an die Produktionsanlage, die nicht mehr benötigt wird, ein Startup lassen, das sich das nicht leisten kann. Den erfahrenen Mitarbeiter gibt es mit dazu. Statt Getriebeteilen läuft dann vielleicht irgendwann ein Produkt für Robotik vom Band. Das wäre Spaßprogramm statt Sparprogramm. Vielleicht müssen wir dafür erst eine andere Perspektive auf Geld einnehmen. Die Idee der Mutbank hat jedenfalls schon in die Richtung gedacht.

Kinder an die Macht

Was machen wir mit dem Bereich Bildung? Wie können wir unserem Nachwuchs die Liebe zu Überraschungen und dem Unvollkommenen erhalten und fördern? Ganz einfach, lasst sie ran an die Überraschungen und das Unvollkommene. Zieht beim nächsten Girls oder Boys Day nicht das perfekte Employer Branding Programm ab, sondern zeigt das Unvollkommene und die Überraschungen. Das echte Leben in Unternehmen. Ladet sie ein in die Projektsitzung, bei der die Kacke am Dampfen ist. Nehmt Euch Zeit die Zusammenhänge zu erklären. Hört genau zu bei Ihren Fragen. Lasst Euch ein auf die Überraschungen, die dadurch passieren. Ich bin mir sicher daraus kann viel Großartiges entstehen. Wer noch einen Schritt weiter gehen möchte, bietet einen Platz im Vorstand an. Lässt den Schüler aus der fünften Klasse Entscheidungen treffen, die richtig Wichtigen. Nicht was beim Kundenmeeting zum Essen serviert wird. Es wird nicht vollkommen sein. Aber vielleicht ist die Lösung besser als die teuer eingekaufte von der Unternehmensberatung.

Alles nur Spinnerei?

Vielleicht ist das alles nur Spinnerei. Vielleicht sind das aber auch Ideen, wie durch ein JA zu Überraschungen und Unvollkommenem eine bessere Wirtschaft entstehen kann. Seit einem Abendessen mit Martin Gaedt lässt mich das Thema Überraschungen und Unvollkommenes nicht mehr los. Stephan Grabmeier hat mit seiner Future Business Blogparade den Anstoß gegeben, meine Gedanken in Worte zu fassen. Ich lade dich ein mit mir zu diskutieren und weiterzuspinnen. Lass uns gemeinsam #Kopföffner sein. Ich freue mich über Kommentare, Shitstorms, Weiterspinner. Überrascht mich!

2 Kommentare

  1. Dein neuester Beitrag passt perfekt zu meinen Erfahrungen nach 14 Tagen Reise durch Äthiopien:: jeder Tag voller Überraschungen, Planerfüllung die Ausnahme. Gibt es Strom, wenn ich aufwache? Gibt es Wasser, wenn ich duschen möchte? Nach sechs Tagen ohne Internet oder TV fokussiert man auf das Wesentliche: freundliche, neugierige, aufgeschlossene Menschen. Keine quengelnde oder weinende Kinder! Liegt das nur daran, dass es keinen Supermarkt, kein personalized advertising, kein e-commerce für die grosse Mehrheit der Bewohner gibt?

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